HAARE AUF DEN ZÄHNEN

Der Abend war lang geworden, die zwei bewegten Gläser vor mir bedurften eines vertieften Blicks, um festzustellen, wie befüllt sie noch waren.
»Wer hat denn das Licht mitten in der Nacht angeknipst?«, lallte ich und blickte mich leicht taumelnd um und wies schwankend auf den östlichen Horizont.
»Vermutlich die Sonne«, lautete ihre prompte Antwort. Sie kniff ein Auge zu, kam ein wenig aus dem Gleichgewicht und meinte dann stolpernd: »Es ist vier Uhr zwölf..
»Oh. From dusk till dawn.« Ich musste lachen. »Zeit fürs Bett, was?«, hörte ich meine Restvernunft den weisen Vorschlag lauthals unterbreiten.
Und so stiegen wir denn mit den frühen Vögeln ins Bett, ließen uns gemeinschaftlich darauf sacken und fielen prompt in einen komatösen Schlaf.

Als ich wieder erwachte, hätte sich mir fast ein Schrei herausgequetscht, wenn meine Kehle nicht so extrem trocken gewesen wäre.
Oben auf der Gardinenschiene über dem Fenster saßen lauter unheimliche Tiere, die ich noch nie zuvor gesehen hatte und die mich ganz merkwürdig anglotzten. Wo kamen die her.
Beim zweiten Hinschauen stellte ich fest, dass es wohl nur schick hindrapierte Kuscheltiere waren. Da war ich mir ziemlich sicher, dass ich nicht zuhause war.
Ächzend erhob ich mich aus den Federn, und es waren Federn, eindeutig, das verkündete mir meine verstopfte Nase überdeutlich. »Ich hasse Allergie! Bei mir daheim wäre das nicht passiert«, fluchte ich schniefend in mich hinein und stöhnte orientierungslos.
Den Weg ins fremde Bad fand ich dann doch viel schneller als gedacht. Ein Lampenkabel kam mir zu Hilfe. Geschickt in unmittelbarer Nähe des Bettes auf dem Boden verborgen, den ich zu dieser Stunde sowieso noch nicht deutlich zu erkennen vermochte, erfasste es bösartig meinen Fuß und verschaffte mir einen Freiflug direkt in das geflieste Gemach der Körperreinigung und des Stuhlgangs.
Wie hieß es doch gleich? Die Fliehgeschwindigkeit und die Masse eines Objektes sorgen dafür, dass aus einem leichten Gegenstand ein ziemlich schweres Flugobjekt mit enormer Aufprallwucht werden kann. Ich konnte jetzt aus schmerzhafter Erfahrung sprechen.
Nun, so brauchte ich immerhin das gewisse Örtchen nicht erst umständlich zu suchen, wo ich doch direkt an seinem Standfuß gelandet war. Ich zog mich an der Toilette hoch und stellte fest, dass es meinem Kopf nicht wirklich gut ging. Wie der überhaupt durch diese Tür gepasst hatte, war mir ein Rätsel, das ich jedoch vorzugsweise an einem anderen Tag, nein, am besten in einer anderen Woche, lösen würde.
Vorerst erlöst von realen Lösungszwängen, ließ ich mir kaltes Wasser über die Pulsadern laufen und bespritzte mir mehr oder weniger angewidert, ob der äußerst frischen Temperatur desselbigen, das Gesicht. Dabei nahm ich einen huschenden Schatten direkt vor mir war und erschrak beinahe zu Tode. Schon riss ich die Hände mit einem Aufschrei vors Gesicht. Erst dann realisierte ich, dass es nur mein Abbild im Spiegel war.
Erleichtert hierüber entspannte ich mich wieder. Zumindest kurzfristig. Denn schon begann der Überraschungskampf mit einem gewissen Elektrogerät, das sich einer erstaunlichen Multifunktionalität erwies.
Eigentlich hatte ich Zähne putzen wollen. Doch es zeigte sich, dass die elektrische Zahnbürste in Wahrheit ein Lockenstab war! Gierig griff sie nach einer Haarsträhne, zerrte und wickelte sie in einer atemberaubenden Geschwindigkeit ein. Dabei spritzte sie eifrig mit Zahnpasta um sich, sodass das an und für sich rote Haar, rasch zu ergrauen begann.
Da meine grobe Motorik noch unter einer gewissen funktionellen Trägheit litt, führte ich die mutierte Zahnbürste, entgegen jeglichem Sinn der Handlung, dennoch ordnungsgemäß in Richtung Mundhöhle und wurde bei meinem Anblick im Spiegel sprichwörtlich erleuchtet. Mir wurde spontan klar, was es wohl mit der geflügelten Redensart 'Haare auf den Zähnen haben' auf sich hatte.
Zudem hatte ich einen ersten Eindruck davon bekommen, wie ich wohl in späteren Jahren aussehen würde. Ich musste mir nur noch die eine oder andere Falte hinzudenken. Krähenfüße indes bedurften keiner weiteren Fantasie, die waren bereits reichlich vertreten, sowie kräftige, dunkle Ringe unter den Augen.
Meine Hand fand schließlich doch noch zitternd den Ausschaltknopf. Es dauerte eine Weile, bis ich mich vom Lockenstab und den putzigen, grauen Strähnchen im Haar befreit hatte.
Als ich in die Küche kam, fragte ich sie: »Was war das eigentlich, was wir da getrunken haben?.
»Absinth..
»Aha.« Ich war mir nicht sicher, ob ich das jemals wieder trinken würde.

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SKLAVENSCHIFFS REISE

»Sin wia bald da-a?«, quäkte eine Kinderstimme durch den Bootsrumpf.
»Ho – ha – ho – ha«, lautete die Antwort, der rudernden Gesellschaft, unterstützt vom rhythmischen Klopfen des Trommlers.
»Isses noch wei-eit?«, erklang es kurze Zeit später in deutlich jämmerlicherem Tonfall.
»Ho – ha – ho – ha..
»Ich muss mal Pipi!«, sagte die Stimme nach einigen weiteren Streichminuten und ein bebendes Aufschluchzen begleitete es.
»Bei allen ... Ali, sag dem blinden Passagier sofort, dass er seine verdammte Klappe halten soll!« Abdullah ließ seine Peitsche heftig knallen und fluchte noch einige unverständliche, vermutlich ziemlich derbe Worte hinterher.
Alis Sohn ließ einen spitzen Schrei los, verstummte dann jäh und verhielt sich hernach still.

»Warum nur hast du ihn mitgenommen?«, zischte Alis Nachbar. »Das macht ihm schlechte Laune und wir müssen dafür bluten!« Mit seinem Kopf wies er auf Abdullah.
»Damit wenigstens einer von uns in Freiheit leben kann«, grummelte Ali zurück. »Er hätte ihn längst den Fischen zum Fraß vorgeworfen, wenn er ihn hätte loswerden wollen.«.

Ali warf einen Blick aus der kleinen Öffnung seines Riemens. Eine einzige Wasserödnis bekam er zu Gesicht. Die Gischt schäumte leicht auf bei jedem Ruderschlag, den sie taten.
Sie waren jetzt schon wochenlang unterwegs. Er hoffte, sie würden bald das ersehnte Land erreichen. Dann würde wenigstens sein Sohn die Freiheit riechen, schmecken und leben können, die ihm wohl bis ans Ende seiner Tage versagt blieb.

Plötzliche Unruhe auf dem Oberdeck. Dann hörten sie eine schrille Stimme stammeln: »Die Pi ... die Pi ... die Pi ...« Eine andere Stimme vollendete das Grauen, das alle an Bord derweil ahnten. »Pilaten!!« Die multikulturelle Zusammensetzung an Bord war unüberhörbar.
Wie sie sich jetzt in die Riemen legten. Nahezu mit Überschallgeschwindigkeit, wenn sie sie seinerzeit schon zu benennen gewusst hätten, flogen sie über das Weltenmeer. Und das ganz ohne gallischen Zusatzantrieb.

»A 4..
»Treffer..
»B 4..
»Treffer..
»C 4..
»Versenkt..

Meiers Flotte versank und mit ihm sein Imperium.
Nur ein einziger Überlebender konnte sich auf ein nahes Eiland retten. Nosnibor Eosurc, der viele Jahre später von einem begnadeten Künstler der schreibenden Zunft entdeckt wurde und aus datenschutzrechtlichen Gründen unter einem Pseudonym in die Weltliteratur einging.

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MUTTERSAU

Sie war trächtig. Ihre Last wog schwer. Und dann kam ihre Zeit. Sie warf..
Eines flog in die Ecke rechts neben dem Heuhaufen.
Eines flog in die Ecke links neben dem Heuhaufen.
Eines flog direkt hinein in den Heuhaufen.
Zwei flogen nahezu parallel. Eines war jedoch schneller, und prallte an die Scheunenwand, drückte sich ein, wie ein Baguettebrot, das auf einen Widerstand trifft. Das Andere haftete sich direkt an sein Geschwister. Auffahrunfall.
Das Letzte ließ sich Zeit und glitt sanft in einer Blutlache aus, rutschte ein Stück, kam jedoch knapp vor dem Hindernis zum Stehen.
Fazit: Fünfe erblickten grunzend das Licht der Welt und waren wohlauf. Nur Eines fiel dem Aphorismus 'Hochmut kommt vor dem Fall' zum Opfer. »Wollen wir mal Fünfe gerade sein lassen«, befand der Bauer.

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